Pinstriping: Der Tanz auf dem Blech

Stell dir eine Werkstatt vor. Es ist still, nur das ferne Brummen eines V8-Motors ist zu hören. Der Pinstriper setzt an. In diesem Moment gibt es keine „Rückgängig“-Taste und keinen zweiten Versuch. Jede Linie ist ein Versprechen.


Die Philosophie: Zwischen Präzision und Atemkontrolle

Pinstriperin bei der Arbeit

Pinstriping ist weit mehr als nur Dekoration – es ist die Kunst der totalen Kontrolle. Wenn der Künstler das Blech berührt, verschmilzt der Atem mit der Bewegung der Hand. Pinstriper halten oft mitten im Zug die Luft an, um die absolute Ruhe in die Fingerspitzen zu kanalisieren. Es ist ein meditativer Zustand, ein „Linien-Zen“, bei dem ein einziger zittriger Moment Stunden der Vorbereitung ruinieren kann. In einer Welt von Massenware und digitalen Aufklebern ist jeder Pinstripe ein handgefertigtes Unikat, das die Zeit für einen Moment stillstehen lässt.


Geschichte des Pinstriping

Linierung ist eines der ältesten Kunsthandwerke. Schon die alten Römer dekorierten ihre Streitwagen mit Zierlinien. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts jedoch entwickelte es sich praktisch überhaupt nicht weiter. Die Linien folgten wie schon seit Äonen immer brav den Konturen des Objekts, welches sie umgab, vom Buchdeckel bis zum Fahrradrahmen. Dann, etwa 1953, tauchten in Südkalifornien auf einmal seltsame, bizarre Liniengewirre auf den umgebauten Autos junger Männer auf. Zuerst nur auf den Handschuhfachdeckeln, wuchsen sie zwei Jahre später um die Kühlergrille, hinter die Radläufe, über Kofferdeckel, C-Säulen und Türfallen. Freestyle Pinstriping war geboren.

Drei Namen prägten dieses erste goldene Zeitalter:

  • Von Dutch (Kenneth Howard, 1929–1992):

    Ihm wird die Erfindung des Freistils zugeschrieben. Er brachte die „bizarre Hektik“ auf das Blech.

  • Tommy the Greek (Tommy Hrones, 1906–2002):

    Er war Von Dutchs Vorreiter, der Meister der Teardrops. Seine Arbeiten blieben trotz ihrer Kompliziertheit klassisch und elegant.

  • Ed „Big Daddy“ Roth (1932–2001):

    Er begann als Pinstriper und wurde später durch seine fahrenden Skulpturen (Rat Fink) zur unsterblichen Ikone der Custom-Welt.

Der Fall und die Wiederauferstehung

Von etwa 1965 bis 1985 war dann das Interesse an Pinstriping fast erloschen. Die Custom-Car-Welle wurde mit der Ankunft der Beatles durch die Popwelle abgelöst. (Roth: Guys wuz buyin´ guitars instead of cars). Materieller Besitz wie ein kunstvoll gefertigtes Custom Car war unter den aufkommenden Idealen der Hippies abgesagt, galt als uncool. In den 1970er Jahren entstanden verschiedene neue Customstile – Vans, Pro Street, Lowrider, Offroader, Billet – die entweder völlig schmucklos waren oder mit Airbrush, oftmals in Mural (Wandgemälde)-Form verziert. Airbrush begann sich als beherrschende Dekorationsform auf Autoblechen durchzusetzen, und bis heute hat es diese Position inne. Bei den rein abstrakten Motiven gesellte sich um 1990 eine dem Pinstriping ähnelnde Art hinzu: das Tribal. Es wird allerdings fast nie gemalt, sondern nur aufgeklebt, gedruckt oder tätowiert. In der Formensprache an die Kunst verschiedener Naturvölker – hauptsächlich der Māori und der Kelten – angelehnt, findet es sich bis heute auf Autos, auf den Armen ihrer Fahrer und über dem Hinterteil (Arschgeweih). In den frühen 1990er Jahren jedoch begann man, die frühen Customstile wiederzuentdecken. Diese Leute – oft sowieso Retro-begeisterte Rockabillys – spritzten ihre alten Autos nicht länger in glänzenden Pastell- oder Neontönen, sondern in matter Grundierung, und statt Hi-Tech-Billet-Anbauteilen wurde auf authentisches, altes Zubehör Wert gelegt: SV-Motoren, Stahlfelgen, Cheater Slicks. Das Pinstriping kehrte zurück – und diesmal, um zu bleiben.


Pinstriping Heute: Eine globale Bewegung

Heute hat das Handwerk die Grenzen der Autogarage längst überschritten. Pinstriping ist zu einem weltweiten Phänomen geworden. Während in den USA und Europa die Szene floriert, hat sich besonders in Japan (angeführt von Ikonen wie Mooneyes) eine unglaublich präzise und eigenständige Pinstriping-Kultur entwickelt.

Die moderne „Kustom Kulture“ findet sich heute überall: auf High-End-Motorradhelmen, edlen Gitarren, Kühlschränken oder sogar im Interior-Design. Überall dort, wo Menschen genug vom Einheitsbrei haben und sich nach der ehrlichen, zittrigen Handschrift eines echten Künstlers sehnen, findet man sie wieder: die feinen Linien, die eine Geschichte erzählen.


Pinstriping als Handwerk

Pinstriperin bei der Arbeit

Das Handwerk wird vom Pinstriper (dt.: Linierer) ausgeübt, der die Pinstripes mittels eines speziellen Pinsels, des sogenannten Schwertschleppers, frei Hand aufbringt. Die verwendete Farbe ist zumeist Kunschtharzlack der darauf spezialisierten Unternehmen u.a. OneShot oder House of Kolor. Der bekannteste Hersteller von Schwertschleppern ist das amerikanische Unternehmen Mack, das auch eine große Pinstriping**-Galerie unterhält. Ein alternatives Werkzeug ist das Beuglerrad, mit dem die Farbe über ein kleines Rad aufgerollt wird. Bis etwa Mitte der 1950er Jahre beschäftigten viele Fahrzeughersteller festangestellte Berufslinierer (oft Frauen); dann begann Linierung allgemein unpopulär zu werden – außer bei Fahrrädern, dort hielt sie sich teilweise bis in die frühen 1990er Jahre. Heutzutage werden Zierlinien ab Werk als Klebeband appliziert.


Pinstriping als Kunstform

Lowbrow-Art

Pinstriping ist eine Sonderform des Custompainting und gehört zu der großen Familie der in USA als Lowbrow Art bezeichneten Kunstformen. Seinen Ursprung hat es vornehmlich in der um 1940 entstandenen Hot Rod- und Custom-Car-Szene, die als die einzige proletarische Kunstform seit der Bauernmalerei gilt. Eine Unterart dieser Kunstform ist die sog. "Nose-Art", die Bemalungen auf Flugzeugen ab dem 2.Weltkrieg. Weitere Einflüsse der Lowbrow Art sind Folklore aus Mexiko – hier besonders der Tag der Toten, Lucha-Libre-Wrestling und christlich-religiöse Motive –, Ozeanien (Tikis), amerikanische Trivialmythen, traditionelle abendländische Tätowierungen und Comics. Da die Lowbrow Art bis auf wenige Ausnahmen (z. B. Rat Rods) stets handwerkliche Perfektion fordert, wird ein Pinstriper nicht nur nach Originalität seiner Motive, sondern auch und gerade nach Ausführung beurteilt. Zurzeit gibt es in den USA etwa hundert Berufsstriper und eine Vielzahl von Amateuren. Die zweitgrößte Pinstriping**-Nation ist Finnland mit etwa 200 Ausübenden. An dritter Stelle folgt Großbritannien. Pinstriper treffen sich gelegentlich zu – oft nichtöffentlichen – Panel Jams, wo man, im Gegensatz zu den Car Shows, Tafelbilder (Panel) und gestripte Objekte zeigt und anfertigt. Oftmals arbeiten dabei mehrere Striper zusammen an einem Panel in Jamsessions.


Stile des Pinstriping

Freestyle Pinstriping

Für gewöhnlich, aber keinesfalls zwingend, ist ein solches Pinstriping symmetrisch und besteht aus einer Vielzahl gleich dünner Linien einer oder mehrerer Farben, die ein meist abstraktes, ornamenthaftes Motiv aus Parallelen, Spitzen, Winkeln und Bögen ergeben.

Eine Unterart des Pinstriping ist das sogenannte "Scrollwork", welches sich ausschließlich in kunstvollen Schnörkeln ergeht. Mischformen untereinander und auch mit Airbrush-Motiven sind ebenfalls bekannt.